Inhaltlich verantwortet von
Marcello Doering — Inhaber & Chefermittler, Agentur Incognito
Geprüft durch interne Qualitätssicherung · Stand 7. April 2025
Im Oktober 2025 sprach die WirtschaftsWoche ausführlich mit Marcello Doering über Wirtschaftskriminalität in Deutschland — am Beispiel von VW, Aurubis und Goldbeck. Was in dem Interview nur angerissen werden konnte, vertiefen wir hier: die Mechanismen, die Täterprofile, die operativen Methoden der Aufklärung und die unbequeme Frage, warum die meisten Fälle nie ans Licht kommen.
Die Dunkelziffer — Warum Statistiken lügen
Das BKA-Lagebild Wirtschaftskriminalität erfasst jährlich rund 50.000 Fälle. Die tatsächliche Zahl liegt Schätzungen zufolge bei einem Vielfachen. Allein 2024 lag der Zuwachs bei über 50 Prozent — und das sind nur die gemeldeten Fälle. Die Diskrepanz hat System: Unternehmen erstatten in der Mehrzahl der Fälle keine Anzeige.
Warum? Weil eine Anzeige den Fall öffentlich macht. Weil Ermittlungsverfahren Jahre dauern. Weil Staatsanwaltschaften bei komplexen Wirtschaftsdelikten chronisch unterbesetzt sind. Und weil der Reputationsschaden für das Unternehmen oft schwerer wiegt als der finanzielle Verlust. Die Folge: Eine Dunkelziffer, die das tatsächliche Ausmaß interner Wirtschaftskriminalität um den Faktor 5 bis 10 übersteigt.
Anatomie eines Kickback-Systems
Kickback-Systeme gehören zu den raffiniertesten Formen interner Wirtschaftskriminalität. Der Mechanismus ist im Kern simpel: Ein Einkäufer oder Entscheider bevorzugt einen bestimmten Lieferanten — und erhält dafür eine verdeckte Gegenleistung. Die Komplexität liegt in der Verschleierung.
Im Fall Goldbeck, den die WirtschaftsWoche detailliert aufgearbeitet hat, war das System über Jahre gewachsen. Mitarbeiter im Einkauf vergaben Aufträge an bestimmte Subunternehmer — zu überhöhten Preisen. Die Differenz wurde geteilt. Goldbeck ist, wie Marcello Doering im Interview betont, "ein absolut klassisches Beispiel für so ein Kickback-System im Bauwesen".
Die Warnsignale sind oft subtil: Ein Lieferant gewinnt auffällig viele Ausschreibungen. Preise liegen systematisch 15–25 % über dem Marktdurchschnitt. Alternativangebote werden spät eingeholt oder wirken konstruiert. Der zuständige Einkäufer blockt Nachfragen ab oder reagiert gereizt, wenn Kollegen den Lieferanten hinterfragen.
- Überhöhte Auftragswerte bei gleichzeitig unterdurchschnittlicher Leistungsqualität
- Auffällige Häufung von Direktvergaben unter der formalen Ausschreibungsgrenze
- Persönliche Beziehung zwischen Einkäufer und Lieferant, die über das Geschäftliche hinausgeht
- Widerstand gegen Lieferantenrotation oder Einführung von E-Procurement-Systemen
- Ungewöhnliche Zahlungsströme: Vorauszahlungen, Abschlagszahlungen ohne Leistungsnachweis, Rechnungssplitting
Warum Unternehmen nicht zur Polizei gehen
Die Entscheidung, einen Betrugsfall intern aufzuklären statt Anzeige zu erstatten, ist keine Nachlässigkeit — sie ist in vielen Fällen eine rationale Abwägung. "Viele Firmen halten solche Vorfälle lieber intern, weil sie nicht möchten, dass das an die Öffentlichkeit gerät", erklärt Doering im WirtschaftsWoche-Interview.
Die Gründe sind vielschichtig: Bei börsennotierten Unternehmen kann eine öffentliche Betrugsaffäre den Aktienkurs belasten. Bei Familienunternehmen steht die Reputation einer ganzen Dynastie auf dem Spiel. In regulierten Branchen (Banken, Pharma, Rüstung) drohen bei bekannt gewordenen Compliance-Verstößen Lizenzentzug oder Vergabesperren.
Dazu kommt ein praktisches Problem: Staatsanwaltschaften für Wirtschaftskriminalität sind chronisch überlastet. Ein komplexer Kickback-Fall mit internationalen Verflechtungen kann sich über 3–5 Jahre ziehen — während derer das Unternehmen die Kontrolle über die Ermittlung verliert. Eine private Aufklärung liefert in Wochen, was die Justiz in Jahren nicht schafft.
Der blinde Fleck — Täterprofile
Die gefährlichsten Täter sind nie die, die man erwartet. Das Klischee des gierigen Managers entspricht selten der Realität. Die typischen Wirtschaftsstraftäter in Unternehmen sind:
- Langzeitmitarbeiter mit 10+ Jahren Betriebszugehörigkeit — sie kennen alle Schwachstellen im System
- Vertrauenspersonen in Schlüsselpositionen: Einkauf, Buchhaltung, IT-Administration, Lagerverwaltung
- Sozial unauffällige, oft beliebte Kollegen — die "Letzten, die man verdächtigen würde"
- Mitarbeiter, die nie Urlaub nehmen oder Vertretungen ablehnen — weil sie verhindern müssen, dass andere ihre Prozesse durchleuchten
- Personen, die sich freiwillig für Zusatzaufgaben melden, die ihnen unkontrollierten Zugang zu Ressourcen verschaffen
Die KPMG-Studie Wirtschaftskriminalität 2024 bestätigt: In 62 % der Fälle sind interne Täter verantwortlich. Die durchschnittliche Dauer bis zur Entdeckung beträgt 18 Monate. In dieser Zeit summieren sich die Schäden auf fünf- bis siebenstellige Beträge — pro Fall.
Wenn der Verdacht steht — operative Aufklärung
"Wenn ein Verdacht entsteht, sollten Unternehmen zunächst Beweise sichern und dokumentieren, ohne Mitarbeiter vorab zu warnen", betont Doering. Dieser Grundsatz ist entscheidend — und wird in der Praxis am häufigsten verletzt.
Die operative Aufklärung eines Wirtschaftsdelikts folgt einem strukturierten Prozess: Zunächst werden verfügbare Daten analysiert — Beschaffungshistorien, Zahlungsströme, Kommunikationsmuster. OSINT-Methoden ergänzen das Bild: Handelsregisterrecherchen können verdeckte Firmenverflechtungen zwischen Mitarbeiter und Lieferant aufdecken. Social-Media-Analysen zeigen Lebensstandard-Anomalien. Immobilienregister und Fahrzeugzulassungen können ungeklärten Vermögenszuwachs dokumentieren.
Erst wenn das analytische Fundament steht, folgt — falls nötig — die Feldarbeit: diskrete Observation von Kontakten zwischen Verdächtigem und Lieferanten, Testkäufe zur Verifizierung von Preismanipulationen, forensische Sicherung digitaler Spuren.
Asset Recovery — Gestohlene Werte zurückholen
Asset Recovery ist die Königsdisziplin der Wirtschaftsermittlung. Es geht nicht nur darum, einen Täter zu überführen — sondern das Gestohlene zurückzubekommen. Im Interview mit der WirtschaftsWoche beschreibt Doering einen exemplarischen Fall: "Wir haben 18 von 20 Bagger innerhalb einer Woche wiederbekommen."
Bei physischen Assets (Baumaschinen, Fahrzeuge, Industrieausrüstung) kommen zunehmend BLE-basierte Ortungssysteme zum Einsatz. "Als Alternative zum GPS-System gibt es mittlerweile Ortungspflaster, die von uns eingesetzt werden. Die sind wenige Millimeter dick, haben einen kleinen Akku und laufen komplett unter dem Radar", erklärt Doering die Technologie.
Bei finanziellen Schäden ist die Rückführung komplexer: Vermögensverschiebungen in Offshore-Strukturen, Kryptowährungen oder Immobilien erfordern die Zusammenarbeit mit spezialisierten Forensik-Anwälten und internationalen Netzwerken. Der Zeitfaktor ist kritisch — je früher die Sicherung beginnt, desto höher die Rückholquote.
Prävention, die über Compliance-Broschüren hinausgeht
"Zentral ist das Vier-Augen-Prinzip im Einkauf", sagt Doering im WiWo-Interview. Aber echte Prävention geht tiefer. Die wirksamsten Maßnahmen sind nicht die sichtbaren Kontrollen — sondern die systemischen:
- Lieferantenrotation: Kein Einkäufer sollte länger als 3 Jahre den gleichen Lieferantenstamm betreuen — erzwungene Rotation verhindert, dass sich Korruptionsbeziehungen verfestigen
- Datengetriebene Anomalie-Erkennung: Automatisierte Analyse von Beschaffungsmustern — Preisabweichungen, Auftragshäufungen, Splitting unterhalb von Genehmigungsgrenzen
- Whistleblower-Systeme: Seit dem Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) sind Unternehmen ab 50 Mitarbeitern verpflichtet, anonyme Meldekanäle einzurichten. Die effektivsten Systeme sind extern betrieben
- Red-Team-Übungen: Einmal jährlich simuliert ein externes Team einen Betrugsversuch — und deckt auf, wo die realen Schwachstellen liegen
- Hintergrundüberprüfungen: Pre-Employment-Screening für Schlüsselpositionen, kontinuierliches Monitoring von Vermögensveränderungen bei Entscheidern
Wirtschaftskriminalität ist kein Betriebsunfall. Sie ist ein Systemversagen — und sie lässt sich nur mit systemischen Maßnahmen verhindern.
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